Licht oder Schatten – ist das die Frage?

In der weiten Landschaft der Spiritualität gibt es Orte, wo Schattenarbeit zelebriert und unterstützt wird. Doch es existieren genauso Orte, wo Schattenarbeit verpönt und eher kritisch betrachtet wird. Ich habe mich in verschiedenen spirituellen Kreisen, wo ich beide Perspektiven einnahm, bewegt. Manchmal fürchtete ich mich, von meinen Schatteneskapaden zu berichten, und andere Male erschien ich mir viel zu wohlerzogen und spirituell spießig. Zunächst wirkte die Illusion des Retters auf mich und ich nahm an, die eine Seite über die andere aufklären zu müssen. Was für ein Konflikt! Den Lichtarbeitern wollte ich die Kraft und das Potential der Schattenarbeit näherbringen und den Schattentänzern wollte ich meine Kritik der Ausrichtung klarmachen. Dieses Projekt scheiterte schnell, da die Unfruchtbarkeit dessen schnell offensichtlich war. Und so führte mich mein Konflikt kombiniert mit dem Instinkt, dass etwas Wichtiges unklar ist, in eine tiefere Reflektion. Um was ging es eigentlich genau? Was gab es in all diesem Hin- und Her zu lernen? 

Schattenarbeit wirkt für die Lichtsuchenden zunächst als ein extremer Abstieg in die falsche Richtung. Anstatt der angestrebten Befreiung und dem lichtvollen Miteinander werden Konflikte größer und die alten angestauten Emotionen stärker. Der Wahnsinn bricht erneut aus. Der große Ruf gilt, sich dem Licht zu zuwenden, sich darauf zu konzentrieren und dies zu praktizieren. Wozu in den Schatten gehen? Wozu ihn aufwühlen und darauf den Fokus richten? Ein wichtiges Argument weist auf das Versinken in undienliche Resonanzen hin. Der Fokus auf die Angst, die Aggression und die alten Geschichten verstärkt diese Bewusstseinsfelder und verstrickt einen somit stärker damit. Das Ziel wird in der Verbindung zur Quelle, zum wahren Selbst und dem Licht gesucht. Dort kann die Heilung und Erlösung gefunden werden. 

Der Aufschrei der Schattenstimmen tönt durch die Welt. Sie fühlen sich unterdrückt und weisen auf die Oberflächlichkeit, die dadurch entstehen kann. Fokussieren wir uns nur auf das Lichtvolle und Schöne, bleiben die Konflikte ungeklärt und die Lebensenergie darin eingesperrt. Wir sitzen wieder wie brave Kinder am spirituellen Essenstisch und sagen nur, was Mama und Papa gutheißen. Wir spielen weiter eine Realität, die keine wahre Substanz hat. Wunden, unbewusste innere Kinder oder die eigentliche Erfahrung innerhalb relativer Ereignisse würden übergangen werden. Dies kann so weit gehen, dass Gemeinschaften mit spirituellen Begründungen sehr ungesunde oder sogar schädliche soziale Dynamiken entwickeln, ohne das dies angesprochen wird. Nein! Nein zu den Engelmeditationen. Nein zu den Gruppensessions, in denen sich alle sagen, wie toll es war und doch kein tieferer Kontakt entsteht. Nein zu einer Spiritualität, die das gesellschaftliche System der Ignoranz nur in ein lichtvolles Gewand hüllt. Das wollen sie nun endlich beenden und so drängen sie sich mit der Wahrheit, die sie in sich tragen, ins Licht. So unangenehm es ist und so herausfordernd es sein mag, die Welt ist nicht nur ein Ort des Lichtes und der Schönheit. Dem gilt es sich zu stellen und es anzunehmen.  

Dieser Konflikt bezieht viele weitere Argumente ein. Schlussendlich weisen beide Seiten mich auf wichtige Punkte hin. Anstatt weiter jemanden überzeugen zu wollen, fing ich an zu zuhören und zu ergründen, was den jeweiligen Stimmen am Herzen lag und von welcher Erfahrung heraus sie sprachen. Dabei eröffnete sich mir ein breites, funkelendes Forschungsfeld, in das ich als ein wankelmütiger Wahrheitssucher hineinsprang. Innerhalb dieser Forschung kann man in viele, wertvolle Einzelpunkte eintauchen. Diese können Missverständnisse aufklären und praktische Klarheit über die inneren Bewegungen geben. In dem ganzen Konflikt, wie Schatten- oder Lichtarbeit durchzuführen und hilfreich wären, zeigt sich mir jedoch ein grundlegendes Missverständnis, an dem die Stolpergefahr hoch ist und ein fruchtvoller Dialog fernbleibt.  

Das Missverständnis bezieht sich auf das, was wir mit Schatten und Licht meinen und auf welcher Achse des Seins wir es verorten. Auf der relativen, horizontalen Ebene erleben wir das manifestierte Leben mit den alltäglichen Geschehnissen und Ereignissen. Der Kauf des Autos, die Abholung der Kinder von der Kita und der Spaziergang im Wald. Diese sind mit verschiedenen Erfahrungsräumen, die aus Gedanken, Gefühlen und Empfindungen bestehen, verknüpft. Auch diese sind manifestierte Welt und finden auf der relativen, horizontalen Ebene statt. Das Relative kommt, bleibt eine kosmische Weile und geht. Die Horizontale ist mit den alltäglichen Begebenheiten und dem weiten Beziehungsfeld zu anderen Menschen, Gruppen sowie nicht-menschlichen Mitgeschöpfen (wie Pflanzen) gefüllt. Auf ebendieser Ebene findet Tag und Nacht, Regen und Wolkenlosigkeit oder Gemeinschaftlichkeit und Einsamkeit statt. Yin und Yang, Männlich und Weiblich. Negativität und Positivität bilden als zwei Formen von energetischer Ladung auf der Waage der Horizontalen einen Ausgleich und bilden zusammen im richtigen Maß eine Harmonie. Mit moralischen Bewertungen sollte dies nicht verwechselt werden! Es geht um eine Bezeichnung von energetischen Ladungen. Kurzum, auf der dualen Ebene erleben wir die zwei Seiten der Dualität – Helligkeit und Dunkelheit.  

An dieser Stelle findet sehr weit verbreitet eine hinderliche mentale Verknüpfung statt: Negativität sei der Schatten und Positivität sei das Licht. Die logische Folge daraus ist, dass nun die eine Seite der Dualität – die Positivität – hervorgehoben und anstrebenswert wird, während der negative Schatten als Heilungsobjekt und Transformationsgegenstand angesehen wird. Das Negative muss verkleinert werden und die Positivität erhöht, um das Licht zu erreichen und die Dunkelheit zu verringern. Und dies gilt für Anhänger der Schattenarbeit ebenso wie die der Lichtarbeit. Dort setzen die ganzen Konflikte und Streitgespräche zum Thema an. Für eines oder das andere müssen wir uns entscheiden. Negativität darf sein. Negativität darf nicht sein. Es darf so sein, aber nur wenn. Oder nur zu diesem oder jenem Grad bei diesen oder jenen Umständen oder wenn man es auf eine bestimmte bewusste Art kommuniziert….Dort dreht auch ebenso das Schönreden im Verstand mit plakativen Sätzen wie “es dürfe doch alles sein” seine Kreise. Wir versuchen Recht zu haben und uns durchzusetzen, den Konflikt irgendwie aushaltbar oder konstruktiv zu machen oder lenken uns schlichtweg von dem ganzen ab. Innerhalb dieser Logik macht dies auch alles Sinn. Doch die Grundlage, auf der sie fußt, ist nicht korrekt und führt zu einem falschen Schöpfungsverständnis.  

Es gibt einen individuellen, natürlichen harmonischen Zustand auf der dualen Ebene. Zu viel Negativität führt ebenso zum Ungleichgewicht wie zu viel Positivität. Allerdings besteht in unserem Zeitalter, in indischen Weisheitstraditionen Kali Yuga genannt, die Tendenz zur negativen Unausgeglichenheit. Es gibt wunderbare Ansätze und Praktiken dies ins Gleichgewicht zu bringen und das kann sehr viel Lebensqualität und Lebensfreude schenken. Doch dies hat nichts mit Schatten- oder Lichtarbeit zu tun.  

Die Schattenarbeit bzw. Lichtarbeit, die mein Forschungsgegenstand ist, bezieht sich auf die vertikale und absolute Ebene, auf das Non-Duale. Das Licht ist das Bewusstsein, was Leben sichtbar und bewusst macht, und der Schatten ist die Unbewusstheit über das Leben. Mit Leben ist in dem Fall alles Leben gemeint – beide Seiten der Dualität, positiv wie negativ, Helligkeit wie Dunkelheit. Im Schatten können unsere Talente und Potentiale schlummern als auch unsere Wunden und Schuldgedanken unbemerkt wirken. Wer Schattenarbeit betreibt, taucht in die bisher unbekannten Landschaften seines Seins ein. Was er dort findet, ist der Forschungsreise ungewiss. Außerdem umfasst es auf der vertikalen Linie, die verschiedenen Ebenen. Der manifestierte Körper (Sanskrit: Annamayokosha) kann genauso Schattenort mit Krankheiten und Dissoziationen sein, wie der Körper der Glückseligkeit (Sanskrit: Anandamayakosha). Schattenarbeit auf der Vertikalen zielt darauf ab, die Glückseligkeit genauso wie individuelle Talente genauso wie transgenerationale Wunden ins Bewusstsein zu bringen.  

Was auf der relativen Ebene zwei Seiten sind, ist auf der vertikalen eine Ebene. Und auf beiden Seiten dieser einen Ebene finden Verstrickungen und Identifikationen statt, welche in der Schattenarbeit unter die Lupe genommen werden. Die Identifikation mit der Wunde des Verlustes verhindert genauso absolute, wahre Heilung und Erwachen wie die Identifikation mit der als wunderbar und unterstützend erlebten Paarbeziehung. In dem Missverständnis über Schattenarbeit gilt die Praxis die Wunde zu finden und zu heilen, um eine Beziehung ohne Angst zu erfahren. Die Heilung ist ein Instrument der Wunscherfüllung und schlussendlich eines Begehrens oder einer Vermeidung. In der vertikalen Schattenarbeit gilt die Praxis der Bewusstwerdung der Wunde ebenso wie dem Beziehungsstreben ohne eines von beiden als Ziel zu sehen. Es ist eine bedingungslose Praxis der Ausdehnung von wahrer Lebendigkeit, die der Bewusstwerdung um der Bewusstwerdungswillen gilt. Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung sind das Ziel. Dies kann auch als Frieden, Ganzheit oder Erweiterung bezeichnet werden. Wie sich das Leben dann entfaltet und manifestiert ist pure Hingabe. Das Leben darf entscheiden. Wo Schattenarbeit im relativen Verständnis auf persönliche Ziele ausgerichtet ist und einem individuellen Willen entspringt, führt die Schattenarbeit im vertikalen Sinne in eine bedingungslose Hingabe an den unpersönlichen, göttlichen Willen, an eine Freischaltung der und radikale Widmung an die universelle Lebenskraft.  

Für mich löst sich an diesem Forschungspunkt die Frage um Schatten oder Licht auf, denn es entpuppt sich beides in der letzten Konsequenz als das Gleiche. Wer wirklich tief in die Lichtarbeit einsteigt und sein Wesen immer mehr von Licht durchfluten lässt, wird mit dem, was zuvor im Schatten stand, konfrontiert. Es wird sichtbar. Ebenso wird wahre Schattenarbeit nur möglich sein, wenn das Licht im Schatten angemacht wird und die Schattengegenstände differenziert betrachtet werden. Lichtarbeit ohne Schattenbetrachtung ist eine Wohlfühlspiritualität ohne Tiefgang und wahre Befreiung. Schattenarbeit ohne die Verbreitung von Licht ist ein sinnloses Versinken im unbewussten Chaos. Beide sind höchstens ein Erfahrungsschritt hin zum spirituellen Weg, doch keine Praxis wahrer Selbsterkenntnis. Mit dem Perspektivwechsel von der horizontalen zur vertikalen Achse entsteht ein fruchtbares Forschungsfundament, was tiefe Selbsterforschung und einen dienlichen Dialog über Bewusstwerdung jenseits von Methodendiskussionen ermöglicht.  

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Für alle im forschenden Ringen mit dem Leben dient der Blog als Unterstützung, um innerlich leben zu lernen. Er thematisiert Wege durch das Dickicht der inneren Auseinandersetzung und gibt Inspirationen, um das Leben aus dem Schatten zu befreien und neu kennenzulernen. Dabei schreibt Sara Gnanzou aus bewegten Worten ihrer Forschungen, um Forschungen anzuregen – die Beziehung mit der Göttin, der schöpferischen Lebenskraft, lebendig werden zu lassen und sich mit ihr schöpferisch intelligent durch das Leben zu bewegen.

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