Ich sause umher. Mein Abendessen ist fertig. Bevor es kalt wird, erledige ich noch rasch einige Kleinigkeiten. Mein Forschergeist interessiert sich für das alles nicht. Er forscht im Hintergrund weiter und plötzlich fällt mir ein Satz vor die inneren Füße: ein Leben was der Seele entspricht, ist ein zu hoher Anspruch. Ein Lebensprozess, der der Seele entspricht, ist viel weiser und machbarer.
Der Gedanke wirkt sanft wie warmer Tee nach einem kühlen Herbstspaziergang. Etwas in mir entspannt sich und eine freudige Neugier taucht auf. Eine Öffnung die milde Weisheit mit sich bringt. Ich halte kurz inne und lasse den Gedanken noch etwas tiefer sinken.
Seele leben als neue Überlebensstrategie
So schnell kann die innere Arbeit sich in die kulturelle Überlebensmatrix des Erreichen-müssens einweben. Wieder geht es darum, ein Ziel zu erreichen, um endlich gut oder überhaupt leben zu können. Statt einer kulturellen Identität und materiellen Gütern ist es jedoch diesmal das Seelenleben. Das Leben soll der Wahrheit unserer Seele entsprechen – dann können wir glücklich, zufrieden und sicher sein, dann ist unser Leben gut und in Ordnung.
Doch wenn wir ehrlich hinschauen, wann soll das eintreten? Abgesehen davon, dass es eine sehr unkonkrete Definition ist, ist sie schlichtweg unrealistisch.
Viel zu viele Schichten der Seele sind im unbewussten verborgen und bleiben uneinbezogen in unsere Vorstellungen von einem Seelenleben. Eine vielschichtige Seelengeschichte eingewoben in spirituelle Volksgruppen, mehrere lokale Kulturen, Familiengeschichten und individuelle Erlebnisse…dazu kommen aktuelle politische Strömungen, religiöse Traditionen…Selbst wenn wir Seele als feste, unveränderbare Essenz der Wahrheit eines Individuums definieren, sind die Ebenen zwischen Seele und Haut sehr komplex und verästelt durch die Jahrtausende von Inkarnationen, Generationen und menschlichen Erfahrungsräumen.
Das gesamte Leben komplett der Seele entsprechend zu leben, ist möglich. Es muss möglich sein, als eine Möglichkeit innerhalb der Schöpfung. Doch es ist vielmehr eine Folge von seelischer Entwicklung – eine Erfahrung von Seelen, die schon ein paar mehr Inkarnationen und Erleuchtungen auf ihrem spirituellen Buckel haben.
Seelische Ausrichtung statt festes Endziel
Das gesamte Leben komplett der Seele entsprechend zu leben, ist für die meisten eine gute Ausrichtung – aber kein gutes Ziel.
Als Ziel wird es zu einem weiteren To-do; zu einem Punkt, der abgehackt und erledigt werden muss. Dann messen wir auf lineare Weise unseren Prozess daran, wie nah wir am Ziel dran sind – wie sehr unser Leben äußerlich unserer Seele entspricht oder wie glücklich und zufrieden und sicher wir uns fühlen. Und diese Herangehensweise und Perspektive blockiert ein wirkliches, innerliches Seelenleben zu erfahren.
Denn die Seele strömt nicht linear, sie erlebt vertikal. Seele leben bedeutet vor allem in die direkte Erfahrung einzutauchen und Leben als evolutionären Prozess zu erfahren. Dabei ist die Ausrichtung als Wegweiser für die Entwicklungsrichtung entscheidend, nicht das Erreichen von einem Endzustand.
Evolutionäres Seelenkribbeln
Das bringt das Kribbeln und Prickeln der Seele in unsere Leben. Es ist wie Kinder, die endlich spielen dürfen ohne das gute Noten dabei herauskommen müssen. Kinder, die beim freien Spielen lernen, was beim sturen Pauken verkümmert.
Seelen wachsen und sind glücklich, wenn sie in der sprühende Gischt der direkten Erfahrung die Wahrheit des Lebens küssen und nicht wenn sie ein zurechtgeschustertes spirituelles Leben in einem fertigen perfekten Zustand vorweisen können. Seelen erleben zyklisch-dynamisch. Und wenn dieses Erleben von Leben stattfinden darf, empfinden wir eine innere Freude, die nicht von dieser Welt ist.
Deswegen macht es seelisch mehr Sinn sich auf den Prozess, statt auf ein festes Ziel, zu fokussieren. Statt ‚Entspricht mein Leben meiner Seele?‘ mit einem Blick auf die Formen ist die bessere Frage mit dem Blick auf das innere Erleben ‚Entspricht mein Lebensprozess meiner Seele?‘.
Da gibt es vielleicht viele Lebensbereiche und Ebenen, die nicht im Glanz der Seele bewusst glitzern. Doch das bringt keine Unruhe und Stress oder Gedanken darüber, wie es denn zu erreichen wäre und was dem im Weg steht und falsch läuft. Vielmehr wirbelt es sich so unglanzvoll, wie es ist, mit in unsere evolutionäre Reise. Ja gerade weil es so ist, kann die evolutionäre Reise, dieser dynamische seelische Entwicklungsprozess, stattfinden.
Alles Teil im irdischen Seelentanz
Seele leben, das heißt ein Leben als Raum für die seelisch-kreativen Prozesse, für die Entwicklung der inneren Beziehung mit dem Leben – so verworren und undurchsichtig sie wirken mögen, so herausfordernd und schmerzhaft sie sich zeigen, so zitternd und unheimlich sie sich in die unbeschreiblichsten Erfahrungen hineinmischen.
Ein breites Lächeln legt sich auf mein Gesicht. Auch wenn Müdigkeit auf meinen Augen liegt, erweckt diese Kontemplation eine schöpferische Vitalität, einen Lebensgusto, eine Lust mehr Leben noch mehr so zu erfahren, wie ich mein Leben erfahre.
Das Lächeln sinkt nach innen. Ich lächle dem Leben in mir zu. Der innere Raum dehnt sich unter dem problemlosen willkommen heißen aus. Irgendwo vibriert sich ein ‚Du darfst leben, ganz dich leben‘ in meine Zellen.
Ich denke an meine Sorgen und Probleme, an meine scheinbar nicht meisterbaren Herausforderungen – was wenn ich sie gar nicht lösen und keinen geklärten Zustand ohne sie erreichen muss? Was wenn ich sie, egal wie und wohin es sich entwickelt, einfach als Teil meines todernsten evolutionären irdischen Seelentanzes erleben darf? Wird dadurch nicht erst echte Transformation und Lebendigkeit möglich?
Eine Forschung reiht sich an die nächste. Da fällt mir das Abendessen wieder ein, ich sause weiter…
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